Realisationswettbewerb Klangkunst 09-11-38

Frist 2008_06 | Realisationswettbewerb Klangkunst 09-11-38

Der Realisierungswettbewerb ist beendet!
Uns erreichten 47 Einreichungen aus acht Ländern, neben Deutschland auch aus Frankreich, Großbritannien, Italien, Kanada, Österreich, Ungarn und den USA sowie von internationalen, aber in Berlin lebenden Künstlern.

Die Jury wählte sechs Finalisten:

  • Hegenbart/Straebel (Boris D Hegenbart-Matsui / Volker Straebel)
  • Tilman Küntzel
  • Georg Nussbaumer
  • Denise Ritter
  • Heidrun Schramm
  • Åsa Helena Stjerna / Rolf Gielgold

 

Entschieden wurde die folgende Platzierung:

1. Platz / Realisierung: Hegenbart/Straebel

2. Platz: Tilman Küntzel

3. Platz: Georg Nussbaumer

 

Wir gratulieren den Gewinnern und danken der Jury! Hier eine Übersicht über die prämierten Arbeiten:

Hegenbart/Straebel: 9-11-38
Hegenbart/Straebel haben eine überzeugende Konzeption vorgelegt, die auf akustische Bilder für die Ereignisse des 9.11.1938 verzichtet. Indem sie die organisierten Pogrome der ersten Novembertage des Jahres 1938 als Teil der kalkulierten Propagandamaßnahmen verstehen, die den Nazis die Zustimmung der Bevölkerung für die geplante Judenvernichtung sicherten, gelingt ihnen ein visuell wie akustisch tragfähiges Bild für den Verlust, den sich die Deutschen durch den Holocaust selbst zugefügt haben. Die daraus resultierenden, bis heute spürbaren „Löcher“ werden in ihrer Installation in überzeugender Weise anschaulich gemacht.

Die Klanginstallation im Gedenken an die Ereignisse des 9. November 1938 besteht aus zwei Teilen:

Aus dem Südfenster des ersten Stocks fällt der Blick auf die Dorotheenstraße. Über Lautsprecher sind die Geräusche der Straße zu hören. Aus diesem Klangmaterial werden ein bis drei schmale Frequenzbänder herausgefiltert. Es entstehen akustische Leerstellen, was auf den durch Vertreibung und Holocaust entstandenen Verlust verweisen mag. Die Frequenzbänder, die aus den Straßenklängen live herausgefiltert werden, wechseln über die Zeit. Sie sind aus einer – extrem verlangsamten – Kontrapunktstudie Arnold Schönbergs abgeleitet, die dieser am 10. November 1938 im kalifornischen Exil schrieb, und die als Kristallnachtfuge bezeichnet wird.

Im Treppenbereich hingegen werden die Frequenzbänder wiedergegeben, aus den Klängen der Dorotheenstraße herausgefiltert wurden. Dabei erklingt die erste Stimme im ersten Stock, die zweite im zweiten und die dritte Stimme im dritten Stock. Die Filter sind in diesem Teil der Installation steiler gewählt als am Südfenster des ersten Stockes, so dass die abgestrahlten Klänge sich Sinustönen annähern. Diese sind kaum zu orten. In Abhängigkeit von den aktuellen Straßenklängen, die sie artikulieren, changieren sie in der Lautstärke. Die Übergänge und Verbindungen zwischen den drei Stimmen/Ebenen vollzieht der Besucher selbst durch seine Bewegung im Treppenhaus.

Nacht/Aussen
Auf der Ebene des zweiten und dritten Stockwerks befindet sich auf der Südfassade des Collegium Hungaricum ein großes Panoramafenster, das nachts qua Rückprojektion als Videoscreen genutzt werde kann. Hier wird  live ein Videosignal übertragen, das von einer Kamera stammt, die von einem Fenster der Nordfassade aus auf die dem Gebäude gegenüberliegende Häuserzeile der Bauhofstraße gerichtet ist. Es entsteht eine visuelle Öffnung in der Südfassade, durch die man durch das Gebäude hindurchschauen kann und so eine Leerstelle auf visuellem Wege erzeugt.

 

Tilman Küntzel
Im Zentrum von Tilman Küntzels Konzept steht die Überlegung, dass die Unterdrückung von Minderheiten, wofür der 9.11. 1938 ein drastisches Anschauungsmaterial liefert, heute keineswegs der Vergangenheit angehört. Mit dem Mobbing als aktuelle Variante der Problematik vermeidet er die aktuellen geopolitischen Konflikte und sucht die Quelle für destruktiven und gewalttätigen Verhaltensweisen in alltäglichen sozialen Beziehungen. Als Forschungs- und Interviewprojekt angelegt, verweigert sich Küntzels Projekt dem Verlangen nach einer unmittelbaren Anschaulichkeit eines Phänomens, das nicht zuletzt durch die Selbstverständlichkeit, mit der die Judenvernichtung in der Nazizeit schließlich den gesellschaftlichen Konsens darstellte, schockiert.

 

Georg Nussbaumer
Nussbaumers Projekt überzeugt durch seine starke  visuelle wie akustische Präsenz, es spielt zudem mit den Erwartungen der Passanten, die zunächst meinen, die Projektion eines prächtigen Kristallleuchters vor sich zu haben, und erst beim Nähertreten verstehen, dass es sich nicht um Kristallglas, sondern Scherben handelt. Im gleichen Prozess scheint auch die akustische Dimension ihren Charakter zu verändern. Die Bezugnahme auf die so genannte Reichskristallnacht ist ebenso drastisch wie evident, und macht die Schwierigkeiten eines solchen Projekts, die zu den grundlegenden Aporien der Künste insgesamt gehören, nämlich allem, was sie thematisiert, Schönheit zu verleihen, unmittelbar erfahrbar.

 

►Auszug aus dem Ausschreibungstext:

Das ungarische Kulturinstitut Collegium Hungaricum Berlin initiiert im Gedenken an die ›Reichskristallnacht‹ des 9. November 1938 einen internationalen Klangkunstwettbewerb.

Ausgeschrieben wird eine Klanginstallation, welche die historischen Geschehnisse der ›Kristallnacht‹ reflektiert und auf die spezifische Architektur des Gebäudes und seine Lage im historischen Zentrum von Berlin Bezug nimmt. Es sind Konzepte sowohl für den Innen- als auch für den Außenraum erwünscht.

Aus den Einreichungen wählt eine Jury eine Installation zur Realisierung aus; für die Ausführung der Arbeit stehen insgesamt 5.000 EUR zur Verfügung. Verbunden mit der Realisierung erhält der Künstler einen Preis in Höhe von 1.000 EUR.

Die Eröffnung der Installation erfolgt am 9. November und wird bis zum 9. Dezember der Öffentlichkeit zugänglich sein. Im Rahmen der Ausstellung ist im Gebäude des CHB ein begleitendes Symposium geplant.

 

Die verlängerte Bewerbungsfrist endet am 25. Juni 2008 (Poststempel).
Der Preisträger wird am 14. Juli 2008 auf www.hungaricum.de bekannt gegeben und auf dem Postweg benachrichtigt.

 

►Materialien:

Den Flyer mit allen Informationen auf Deutsch, Englisch und Ungarisch:
(PDF-Datei: Cover | Textteil).

Die Grundrisse des Gebäudes:
(PDF-Datei: EG | 1. OG | 2. OG | 3. OG | Fassade)

Informationen zur technischen Ausrüstung des Hauses:
(PDF-Datei, 3 S.: Infoblatt)

Einige Fotografien aus dem Gebäude:
CHB-Neubau

 

►Die Jurymitglieder:

  • Jens Cording: siemens art program
  • Hans-Peter Kuhn: Klangkünstler
  • Dr. Sabine Sanio: Musik- und Medientheoretikerin
  • Prof. Dr. Martin Supper: Universität der Künste Berlin, UNI.K. – UdK, Studio für Klangkunst und Klangforschung
  • Tibor Szemző, Komponist