Presse 2004
Antal Szerb: Gespensterlose Welt
Antal Szerb: Gespensterlose Welt
Antal Szerbs wunderbarer Roman über Menschen, die sich in Romanen zu Hause fühlen
DIE ZEIT, Donnerstag, 9. Dezember 2004
Roman
Gespensterlose Welt
Von Ulrich Baron
Ein Ungar Anfang der dreißiger Jahre, kaum jünger als das Jahrhundert, in dem man ihn 1945 ermorden wird. 1934 erscheint seine Geschichte der ungarischen Literatur und auch sein erster Roman Die Pendragon-Legende. Ist er nun Schriftsteller oder Wissenschaftler? Antal Szerb, katholisch getaufter Sohn assimilierter Juden, hat sich dies selbst gefragt und widersprüchliche Antworten gefunden. »Der einzige irdische Lohn für einen Wissenschaftler ist doch die Missgunst von Seiten seiner Kollegen«, warnt der Erzähler seines Debütromans, nur um bald einzugestehen: »Mich überkommt jedesmal ein einzigartiges Gefühl, wenn ich eine so große Anzahl von Büchern sehe. Dann möchte ich mich am liebsten in ihnen wälzen, in ihnen baden, den wunderbaren Geruch verstaubter alter Folianten schnüffeln, kurz, mit allen Sinnen Bücher spüren.« Die Handlung der Pendragon-Legende lockt ihn von seinen Büchern fort, indem sie deren wunderbare Versprechen Wirklichkeit werden lässt, doch die Wirklichkeit ist der Feind aller Wunder.
»Ich beschäftige mich gerade mit den englischen Mystikern des 17. Jahrhunderts« ist der Satz, mit dem der ungarische Privatgelehrte János Bátky die Sympathie von Owen Pendragon, Earl of Gwynnedd gewinnt. Schauplatz ihrer Begegnung ist eine Soiree der Lady Malmsbury-Croft in London, und Antal Szerb lässt deren Salon kaum weniger aquatisch, lässt dessen eifrig herumrudernde Besucher kaum weniger amphibienhaft erscheinen als jene monströsen Axolotl, mit denen der Earl auf seinem Waliser Stammsitz experimentiert. Das Motto der Pendragons ist der Satz »Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches«, und diesen Glauben verfolgen sie durch alle Winkel von Alchemie und Rosenkreuzertum bis in die Laboratorien der Moderne.
Als Gast des Earls wird Bátky die Folgen bald selbst zu spüren bekommen und auch die einer Verschwörung, in deren Zentrum ein Milliardenvermögen und dessen schöne, skrupellose Erbin stehen. Plötzlich hat er einen Begleiter, der den robusten Charme des ehemaligen Kolonialsoldaten verströmt und behauptet, »in Borneo ganze Dörfer in Brand gesetzt zu haben, nur um zu beweisen, dass ein Mann aus Connemara seine Pfeife auch bei Gegenwind anzünden kann«. Schließlich verliebt er sich beinahe in das Burgfräulein Cynthia Pendragon, deren Bruder Osborne dank Bátkys Freundin Lene Kretzsch von seiner seltsamen Frauenscheu kuriert wird.
Antal Szerb würfelt Elemente der Kriminal- und Gespenstergeschichte, des Liebes- und Kolportageromans zusammen, ohne sie sonderlich ernst zu nehmen, und das ist das Problem dieses eleganten, oft wunderbar komischen, doch im Kern nostalgischen und antimodernistischen Romans. Unter dem Einfluss des »geistreichen Schriftstellers Aldous Huxley« versucht Szerb ein literarisches Doppelspiel aus Nostalgie und Ironie und gewährt seinem Helden das Privileg, sich nicht zwischen beiden entscheiden zu müssen.
Mitten im Märchenland, wo einst Feen geboren worden sind
Szerbs zweiter, mit Begeisterung wiederentdeckter Roman Reise im Mondlicht (1937) gewährt diese Freiheit nur befristet und drängt seinen Protagonisten zur existenziellen Entscheidung: »Auch er würde leben wie die Ratten in den Ruinen«, heißt es am Schluss dann resignierend. Solcher Hauch von Kapuzinergruft ist in der Pendragon-Legende noch kaum zu spüren. Antal Szerb versucht hier die neusachliche, rationalistische Zeit mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen.
Doch einmal gerufen, sind die Geister von Ironie, Satire und Klischee kaum zu bannen und drohen alles in ein Salongespräch zu verwandeln, dessen geistreiche Sätze bei Tageslicht verblassen. »Das wahre Abenteuer ist leider verschwunden aus dieser Welt. Es hat sich nicht mit dem Benzingeruch vertragen«, heißt es – und das 1933, während sich Szerbs Landsmann Ladislaus Almásy gerade, in Wolken aus Benzindunst, durch die Wüste schlug. »Das Gespenstischste auf der Welt ist jedoch, dass es keine Gespenster gibt«, verkündet Bátky, während die Surrealisten gerade die Dingwelt zum gespenstischen Leben erwecken. Und der Stammsitz der Pendragons – »mitten im Märchenland, wo einst Feen geboren worden sind« – ist als Schauplatz Schwarzer Magie nur ein schwacher Abklatsch jener heidnischen Schrecken, die der Waliser Schriftsteller Arthur Machen heraufbeschwor.
Was bleibt, ist ein Roman, den man gerne und mit Vergnügen gelesen hat und dem man wünschte, dass er das Niveau der historisch-fantastischen Werke eines Perutz oder Lernet-Holenia erreicht hätte. Was Antal Szerb mit der Pendragon-Legende erreicht, ist aber etwas anderes – das Bild eines Menschen, der sich in seinem Roman nicht zu Hause fühlt. Nicht nur weil man Béla Bartók darin für einen russischen Romancier hält, sondern auch weil er eher Leser als Erzähler ist und es ihn zur »unzerstörbaren Ruhe der Bücher« zurückzieht: »Als ich dasaß in der Dämmerung, ein verlorener kleiner Mensch im Schatten riesiger Bücherregale, zogen die Jahrhunderte wie bei einer Prozession, aber in umgekehrter Reihenfolge, an mir vorüber. Wo sind sie geblieben, die Bücher und der ewige Wissensdurst des Menschen?«
Ist der verlorene kleine Mensch, der dies einst schrieb, nun Wissenschaftler oder Schriftsteller gewesen? Seiner Biografie nach eher Wissenschaftler, doch »meine Wissenschaft stand nie im Dienste der Menschheit. Weil es keine Wahrheit und keine Menschheit gibt. Es gibt nur Wahrheiten und Menschen.«
Antal Szerb: Die Pendragon-Legende
Aus dem Ungarischen von Susanna Großmann-Vendrey; Deutscher Taschenbuch Verlag, 2004; 312 S., 14,50 €
(c) DIE ZEIT 09.12.2004 Nr.51
Bunte Variationen aus Kreisen und Quadraten
Haus Ungarn zeigt Werke von Vasarely
MOZ, Samstag, 5. Juni 2004
Was ist der Unterschied zwischen einem Kubick-Würfel und einem Bild von Victor Vasarely (1908-1997)? Der Erfinder wie der Künstler sind Ungarn, und beide lieben die Grundfarben. Doch während beim Zauberwürfel das Ziel darin besteht, jedes Teil so zu drehen, dass die eine Seite gelb, die andere rot ist und so weiter, formt Vasarely in endlosen Variationen aus Quadraten, Rechtecken, Kreisen spannungsreiche Bilder, die der Technik nach Gemälde sind, aber mit gegenständlicher Malerei nichts und mit abstrakter nur wenig zu tun haben.
Die Auswahl von Vasarelys Werken im Haus Ungarn, Leihgaben aus dessen Geburtsstadt Pécs, veranschaulicht die Entwicklung seines Stils. "Etude vert" heißt die älteste Arbeit aus dem Jahr 1929 und erinnert an das Bauhaus: ein Stillleben mit silbern glänzendem Kaffeelöffel, der in einem nur in Umrissen angedeutetem Glas auf einer Tischplatte mit grauem Kästchenmuster steckt.
Vasarely (eigentlich: Vásárhely) ging bei dem Bauhaus-Schüler Sándor Bortnyk zur Lehre, aber schon 1930 verließ er, erst 22 Jahre alt, Ungarn für immer, um in Frankreich Anschluss an die moderne Kunst zu finden. Wie er als Maler Anregungen aus dem Surrealismus eines Max Ernst aufnahm, verdeutlicht sein Gemälde "Etude en bleu": Ein Fuchs erhebt sich aus dem Weltmeer und reckt die Nase nach einer vom Himmel herabschweben- den prächtigen Weintraube, Schmetterlingen, Blüten und einem weißen Stern.
Erst nach dem Krieg, den Vasarely an seinem Wohnort Annet-sur-Marne überlebte, begann das faszinierende Spiel mit geometrischen Mustern, das eine Modewelle in der Malerei und auch in der Kleidung auslöste. Bald setzte er monochrome, meist unregelmäßige Fächen zu ebenso verwirrenden wie optisch anregenden Puzzles zusammen. Die Op-art war geboren.
Später schuf Vasarely ausgeklügelte farbige Bilder, die voller Illusionseffekte stecken. Hier tut sich ein Labyrinth auf, dort schaut man in das aus bunten Quadern zusammengesetzte Modell eines Raumes. Gegeneinander gewölbte Kugeln, ebenfalls aus Kreis- und Quadratmustern geformt, erzeugen interplanetarische Gefühle.
HANS-JÖRG ROTHER
Bitte recht freundlich!
In den Fotos der Erzherzogin Isabella von Habsburg lebt die Welt der k.u.k.-Monarchie fort
Der Tagesspiegel, Sonntag, 23. Mai 2004
Im Haus Ungarn rührt Erzherzog Friedrich von Habsburg die Trommel - auf einem Foto. Es zeigt den ältesten Sohn des letzten österreichischen Kaisers daheim im Kreise seiner Lieben beim Hauskonzert. Zu sehen in "Foto Habsburg" - so heißt die aktuelle Ausstellung im Collegium Hungaricum Berlin, in der man Österreichs Dynastie hinter die k.u.k.-Kulissen gucken kann. Keine Paparazzi verbergen sich hinter Foto Habsburg, sondern die zu ihrer Zeit wohl prominenteste Amateurfotografin der Welt: Erzherzogin Isabella von Habsburg (1856-1931). Die westfälische Fürstin von Croy-Dülmen hatte 1878 den Erzherzog Friedrich von Habsburg (1856-1936) geheiratet - mit acht Töchtern und einem Sohn wurde die Verbindung reich gesegnet.
Von 1889 bis 1905 lebte die Großfamilie in Pressburg (Bratislava), wo Erzherzog Friedrich als Kommandeur des 5. k.u.k.-Armeekorps stationiert war. Im Grasssalkovich-Palais führten sie ein großes Haus. Die Erzherzogin, der man breite Interessen, politisches Gefühl und auffallende Willenskraft nachsagte, war auch darüber hinaus aktiv. So war sie Patronin des Hausgewerbevereins, des Pressburger Kinderasyls und des Verbands katholischer Hausfrauen.
Darben musste die Großfamilie nicht - 1895 beerbte Friedrich seinen erzherzoglichen Onkel Albrecht und wurde damit zum reichsten Erzherzog des Hauses Habsburg. Auch zum vorbildhaften Landwirt - die geerbten Besitzungen galten als Mustergüter. Dass man heute noch sehen kann, wie man damals arbeitete, feierte und sich kleidete, verdankt die Nachwelt der ebenso talentiert wie leidenschaftlich gern fotografierenden Erzherzogin. Den Richter von Mezökövesd verewigte sie 1911 in Landestracht. Im weißen Rock über schwarzen Stiefeln blickt der schnauzbärtige Alte schmunzelnd unter seinem steifen Hut in die hochherrschaftliche Kamera. Vor allem aber die Familie wurde von Isabella vor die Linse genommen. Aufgestellt wie Orgelpfeifen präsentiert sich auf einem Bild Ehemann Friedrich 1896 in Madrid mit der spanischen Verwandtschaft seiner fotografierenden Ehefrau.
Die kam mit ihrem Hobby schon zu Lebzeiten zu Ehren - 1898 erschienen Isabellas Bilder von Stickerinnen in der populärsten ungarischen Wochenillustrierten, der "Vasárnapi Újság". Ihre Künstlerfotos wurden seit 1904 in Fotofachzeitschriften veröffentlicht. Mehr als 1000 ihrer Aufnahmen aus der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts werden im Historischen Fotoarchiv des Ungarischen Nationalmuseums aufbewahrt. Eine Auswahl aus dem fotografischen Nachlass Isabella von Habsburgs zeigt jetzt die Ausstellung in Berlin.
HEIDEMARIE MAZUHN
(Foto Habsburg, Haus Ungarn, Karl-Liebknecht-Straße 9, bis 5. September, Mo bis Fr 10-17 Uhr, Eintritt frei.)
Auf der Suche nach der kosmischen Farbe
Das Collegium Hungaricum erinnert an den Maler Béla Veszelszky
Berliner Zeitung, Samstag, 3. Januar 2004
Diese Ausstellung bietet eine Entdeckung, die wirklich einer kleinen Sensation gleichkommt. In Deutschland war Bela Veszelszky erst einmal in einer Guppenausstellung in Passau zu sehen, aber auch in Ungarn ist er nur guten Kennern der dortigen Nachkriegs-Avantgarde bekannt. Nun unternahm das Collegium Hungaricum, Ungarns Kulturinstitut in Berlin, große Anstrengungen, um Veszelszkys faszinierendes Werk überhaupt erstmals im Westen in einer Retrospektive zu zeigen.
Veszelszky, der 1977 im Alter von 71 Jahren in seiner Heimatstadt Budapest starb, war ein wahrer Nonkonformist, der nicht ein einziges Mal die Grundsätze seiner Kunst antastete und bereit war, dafür die ärmlichsten Lebensumstände in Kauf zu nehmen. Er selber hat überhaupt nur eine Einzelausstellung, in einer Budapester Privatwohnung, erlebt. Nach seinem Tod erwarben verschiedene ungarische Museen Werke, und 1997 richtete die Budapester Kunsthalle erstmals den Blick eines größeren Publikums auf diesen verkannten Künstler.
Dem Berliner Publikum ist seit langem klar, dass in Ungarn trotz aller Repressalien bereits in den Sechzigern eine vitale Experimentalkunst blühte, wie es sie etwa in der Sowjetunion oder der DDR nicht gab. In Ost-Berlin zeigte das Ungarische Institut manche dieser Ansätze, in West-Berlin verfolgte Dieter Honisch, Direktor der Nationalgalerie, intensiv diese Szene. Veszelszky war aber bislang noch nie zu sehen. Man darf sich also getrost die Augen reiben über eine ungeheure malerische Freiheit, die dieser Künstler einem widrigen Leben abtrotzte.
Seine eindrucksvollsten Bilder - die getupften Kompositionen der sechziger Jahre - sind so zart und luftig, zugleich so verdichtet, dass man sie im Zeitungsdruck gar nicht wiedergeben kann. Aus der Vorkriegszeit ist kaum etwas bekannt. Ein schemenhafter Flügelmensch von 1929/30, mit fast fernöstlicher Durchdringung aufs Papier getuscht, verrät bereits die besessene Suche nach Ganzheitlichkeit und Universalität. In den dreißiger Jahren scheitern Versuche, sich in Wien oder Berlin anzusiedeln. 1944 verbrennen fast alle Bilder, die zunehmend unter dem Einfluss der gnostischen Philosophie standen.
Nach diesem Trauma beginnt er erst 1953 wieder zu malen. Von seiner Wohnung aus beobachtet er monatelang die Landschaft, zerlegt sie in Achsen und verdichtet diese Koordinaten auf der Leinwand in einem Meer farbiger Punkte, Tupfer, Schlieren und Strichelchen. Diese Bilder sind zur äußersten Abstraktion getrieben, aber keinesfalls gegenstandslos. Das Universum scheint in ihnen zu strahlen. Veszelszky analysierte die Natur auf malerische Weise in ihre kleinsten Einheiten. Mehr als dem strengen Verfahren der Pointillisten fühlte er sich den Farbströmen van Goghs verwandt, die er atomisierte und in monatelanger Arbeit, wie von Magneten gesteuert, zerstreute.
1956 begann Veszelszky, vor seinem Haus eine Grube zu graben, um ungestört den Himmel und die Sterne beobachten zu können. Als junge Ungarn in den sechziger Jahren die amerikanische Land Art aufgriffen, erblickten sie in diesem eigentümlichen Erdloch einen Vorläufer ihrer Interessen. Veszelszky - kompromisslos, wie er war - hörte schlagartig mit seinen Landschaftsanalysen auf, als ein Fabrikschornstein, der ihm als zentrale Blickachse diente, gesprengt wurde. Fortan legte er das eigene Antlitz seinen Farbmeeren zu Grunde. Erst kurz vor dem Tod ist es, wie der Christus-Abdruck im Turiner Leichentuch, mit dünnen Linien wirklich sichtbar. Vieles in dieser Kunst bleibt unaussprechlich.
SEBASTIAN PREUSS
Meister des Transzendenten
Bela Veszelszky wurde 1905 in Budapest geboren. Dort studierte er in den Zwanzigern an der Kunsthochschule. 1929 kam er mit dem gnostischen Kreis Ungarns in Berührung, der ihn zeitlebens beeinflusste. Eher schlecht schlug er sich als Zeichenlehrer durch. Der Versuch, sich in Wien oder Berlin anzusiedeln, scheiterte aus finanzieller Not. Trotz großer Armut lebte er seit 1956 nur noch für seine Kunst. 1977 starb er.

