Eröffnungsrede von Frau Dr. Ursula Prinz

Ilka Gedő Ausstellungseröffung am 8. März 2006 im Collegium Hungaricum Berlin

Ilka Gedő war mir nicht bekannt, bevor ich gefragt wurde, eine Eröffnungsrede zu halten. Und selbst, nachdem ich die Bilder in ihrer Monographie gesehen hatte, kam mir alles sehr fremd und eigenartig vor. Ich konnte auch keine Verbindung zur ungarischen Kunst herstellen, die ich bis dahin kannte. Dann begann ich zu lesen und dann sah ich wieder die Bilder. Und dann berührten sie mich sehr.

Ich begriff: Ilka Gedő ist auch im Kontext der ungarischen Kunstgeschichte eine Außenseiterin. Ihre Kunst ist schwer zu verstehen, wenn man nichts über ihre Lebensgeschichte weiß, die natürlich eng mit der Geschichte Ungarns verbunden ist. 1921 wurde sie in Budapest geboren, hier verbrachte sie ihr Leben und hier starb sie auch 1985. Lediglich ein Jahr (1969/70) lebte sie in Paris. Ilka Gedő war nicht nur Ungarin, sondern auch assimilierte Jüdin, Tochter eines Deutschlehrers und Lehrers für ungarische Literatur, der zugleich literarischer Übersetzer war. Sie begann früh zu zeichnen, figurativ, oft ironische oder nachdenklich traurige Selbstbildnisse. Diese Selbstbildniszeichnungen der vierziger Jahre gehören zu den Höhepunkten ihrer tragisch einsamen Kunst. Man könnte dabei manchmal an Daumier oder auch an Toulouse-Lautrec denken, aber auch an Munch oder Giacometti. Gelegentlich hatte sie privaten Unterricht. Nur ein Semester lang blieb sie an der Budapester Kunstakademie. In den 40er Jahren hatte sie Kontakte zur Künstlerkolonie in Szentendre bei Budapest. 1944 zog sie mit der Familie ins Budapester Getto, wo sie überlebte. Im übrigen war diese Gettoperiode aber eine Zeit, die sie selber niemals erwähnte. Seit 1945 war sie in ständigem Kontakt mit der Gruppe von Künstlern, Literaten und Philosophen, die das damalige intellektuelle Budapest verkörperten. Aber bald schon wurde ihr die Auseinandersetzung zwischen der damals modernen Abstraktion und ihrer eigenen figurativen Mal- und Zeichenweise zum Dilemma. Sie versuchte darüber mit dem Kunstkritiker Ernö Kallai in Verbindung zu treten und schrieb ihm einen Brief, ohne wirkliche Resonanz. Nachdem sich das kommunistische Regime 1949 verschärft durchgesetzt hatte, beschloss sie plötzlich, nicht mehr zu malen und zu zeichnen. An diesem Entschluß hielt sie 15 Jahre lang fest. Es war eine große Resignation, deren Gründe viele waren, nicht nur die Auseinandersetzung mit der Kunst ihrer modernen Zeitgenossen, die ihr auch noch ihre Zeichnungen der Arbeiter in einer nahegelegenen Fabrik verübelten, sondern auch die allgemeine politische Situation und die damit einhergehende zunehmende Politisierung der Kunst, sowie die Tatsache, dass sie sich als weibliche Künstlerin nicht anerkannt fühlte. Gerade dieses besondere Problem, eine weibliche Künstlerin zu sein, thematisierte sie häufig, und nicht nur verbal, sondern vor allem in den vielen gezeichneten Selbstbildnissen, u.a. auch als Schwangere, die eine erschütternde, aber gelegentlich auch ironische Demonstration ihrer geistigen und seelischen Verfassung darstellen. Sie widmete sich von nun an ganz ihrer Familie und flüchtete sich in eine selbst gewählte Isolation. Sie wollte auch nicht als Lehrerin tätig sein, sondern wandte sich der Mystik Jakob Böhmes zu, las Kafka, Rilke, Thomas Mann und übersetzte Goethes Farbenlehre ins Ungarische. Zum Teil kam sie durch Freunde, die vor dem Primat des sozialistischen Realismus ins Ausland geflüchtet waren, in Kontakt mit westlichem Gedankengut. Immer beschäftigte sie sich mit der Literatur, auch mit den Schriften des in Frankreich lebenden Existenzialisten Albert Camus.

  • So plötzlich wie sie aufgehört hatte, begann sie als Mittvierzigerin, 1964 wieder zu malen, oft auf der Grundlage älterer Gemälde und Zeichnungen. Auch jetzt waren die Bilder selbstreflektiv, sehr graphisch, aber doch auch von der Farbe bestimmt. Wieder hat ihre Kunst nichts mit der gleichzeitig sich in Ungarn bzw. Budapest entwickelnden Kunst zu tun, weder mit der sinnlich, malerischen oder auch trompe l`oeil-Malerei von Laszlo Lakner z. B., der nun ja schon so lange bei uns in Berlin lebt, noch mit der Malewitsch, Kandinsky und Mondrian folgenden Richtung von Sándor Molnár, noch mit der die westlichen Anregungen von Happening, Konzeptkunst oder Hard edge aufgreifenden jungen Generation der späten sechziger Jahre. Auch als in Budapest in den 70er und 80er Jahren durch Literatur und Ausstellungen die westliche Kunst, einschließlich der amerikanischen, die 1981 in einer Ausstellung in Budapest zu sehen war, greifbarer wurde, hat Gedő ihren eigenen Stil abseits des offiziellen Kunstbetriebes verfolgt. 1980 bekam sie ihre erste offizielle Ausstellung. Wirklich bekannt geworden ist sie erst nach ihrem Tod, im letzten Jahrzehnt. Seit den späten 90er Jahren erwarben auch international bedeutende Museen wie das British Museum, das Israel Museum in Tel Aviv, die Ungarische Nationalgalerie und das Museum Kunstpalast Düsseldorf einige ihrer Werke. 2003 erschien Werkverzeichnis und Monographie von István Hajdu und Dávid Bíró.

  • Gedő selber hat wenig bis gar nichts zum Bekanntwerden ihrer Arbeit beigetragen. Die Literatur und das Puppentheater haben sie mehr beschäftigt als der Kunstbetrieb und die meisten Künstlerkollegen. Rilke lag ihr besonders am Herzen. Aber auch einen Maler wie Francis Bacon hat sie bewundert, allerdings ohne dass man in ihrem Werk einen Einfluss seiner Kunst wahrnehmen könnte. Die hoch gebildete Künstlerin lebte zurückgezogen und ihrer Kunst und ihren Ängsten zugewandt, aus denen sich ihr Werk bis zum Ende ihres Lebens 1985 nach wie vor speiste. Allerdings war sie nie selbstmitleidig. Daran hinderte sie ihre nie versiegende Selbstironie. Das eigene Porträt spielt weiterhin eine wichtige Rolle in ihrem Werk. Manche Maske, manche Blume – Lieblingsthemen der Künstlerin – scheint selber ein verstecktes Selbstbildnis zu sein. Es gibt keine in der Realität existierenden Vorbilder für diese Blumen oder Masken. Vielmehr handelt es sich um Erfindungen oder besser Erinnerungen an Erlebtes, Gesehenes und Geträumtes. Besonders bei den Masken-Bildern kommt mir manchmal ein Gedanke an James Ensor. Denn auch ein Hang zum Grotesken kommt in Gedős Bildern zum Vorschein. Die Gärten und Rosengärten, die sie malt, wirken in ihrer aperspektivischen Darstellung wie Teppiche, leicht wie ein Traum und doch auch erdhaft. Dies liegt vor allem auch an den oftmals bräunlichen, erdigen Farben. Diese erinnerten Bilder zeigen Menschen wie Blumen oder auch umgekehrt, Blumen, die wie Menschen aussehen und sogar zu handeln scheinen. Manches Bild erinnert an Paul Klee. Das Leichte, Sensible und Poetische vieler Arbeiten kommt in der Gefühlslage diesem Meister der malerischen Poesie durchaus sehr nah. Der „Marsch der Dreiecke“ ist so ein Bild, das in seiner heiteren Naivität auch an Kinderzeichnungen denken lässt, aber natürlich - wie bei Paul Klee - meisterhaft durchkomponiert ist. Bei Ilka Gedő verbindet sich Organisches mit konstruktiven Elementen. Auch der Jugendstil klingt in den späten Werken wieder an. Fraktal Zersplittertes mischt sich mit surrealistischen Elementen. Spiegelungen verkehren die „realistische“ oder besser surrealistische Welt noch einmal, vertauschen oben und unten, verfremden das Sujet. Auch der bewunderte van Gogh hat Spuren in ihrem Werk hinterlassen. Die Ölmalerei wirkt oft wie Graffitti oder pastellartig. Dieser Eindruck wird durch die graphischen Elemente hervorgerufen, die auch die Ölbilder beherrschen. Verkleidungen, Masken, Übermalungen, versteckte Symbolik bestimmen dieses Werk, dessen tragische Komponente unübersehbar bleibt, selbst in den ornamentalsten und farbigsten Beispielen. Im scheinbar Privaten und Intimen zeigt sich doch das Bild und Erleben einer Generation und einer Zeit, zugespitzt in einer sehr weiblichen, ebenso selbstzweilfelnden wie selbstbewussten und -bestimmten Künstlerin. Bei aller inneren Emigration ist sie doch Teil ihrer Welt geblieben. Nicht aus Unkenntnis hat sie sich den gängigen Kunstrichtungen nicht angeschlossen. Sie ist letztlich dem gefolgt, was Ernő Kállai ihr in seinem kurzen Brief schon 1949 geschrieben hatte: “Ich würde Ihnen raten, Ihre Augen zu benutzen und Ihrem Herzen zu folgen.... Nehmen sie keine Notiz von den cleveren Alleswissern und Snobs, denen van Gogh ein ausgelaufenes Konzept ist und nach deren Meinung Sie Picassos abstrakter Kunst folgen müssten.“

  • Ilka Gedő ist ihrem Herzen immer gefolgt, hat spät zu dem ihr ganz eigenen Stil gefunden und nun, noch später, zu dem verdienten Ruhm.

  • Identifiziert hat sie sich jedoch mit der Brotbäckerin, die der berühmte ungarische Dichter Attila József, der bereits mit 37 Jahren Selbstmord beging, beschrieb und der diese Ausstellung das Motto verdankt „...weint bittere Tränen in den Teig“.

    Ursula Prinz